Freitag, 20. November 2009

Novemberlied

Jetzt poebeln die Novemberwinde
Aufs Neue herzlos durch das Land.
Die Windsbrautbrut und ihr Gesinde
Sind wieder außer Rand und Band.
Die Dichter treibt es nun in Scharen
Durch die Alleen hin und her,
Und ich durfte es auch erfahren:
In mir novembert es schon sehr.
Der Winter steht nun unerlaeßlich
Vor mir und meines Lebens Tuer.
Jetzt waer' ich wirklich gern vergeßlich,
Das bin ich, nur nicht jetzt und hier.

Melancholie. November eben.
Die Sonnenstunden werden knapp.
Grad uebte man sich noch im Schweben,
Nun stuerzt man mit den Blaettern ab.

Man koennte sich aufs Schlittschuh fahren
Und auf Kastanienfeuer freun,
Wuerden nicht nach so vielen Jahren
Gewisse Depressionen dreuen.
Man koennte auch der Agonie
Mit Uebermut den Ruecken kehrn,
Mit Festen und mit Räuschen, die
Gewisser Reize nicht entbehrn.
Nur kennt man das schon allzu gut,
Man hat sich so oft abgelenkt.
Es fasst im Fruehling der nur Mut,
Der sich im Herbst auch Trauer schenkt.

Melancholie. November eben.
Der Herbst zieht in die Herzen.
Es gibt auch Gruende, nicht zu leben,
Sie muessen ja nicht triftig sein.

Konstantin Wecker - Novemberlied

Manchmal muss man sich Traurigkeit auch erlauben. Es gibt eine Zeit zu lachen, es gibt eine Zeit zum trauern. Und im Herbst gehoert Melancholie nun einmal dazu. Warum gegen Windmuehlen ankaempfen?

Donnerstag, 19. November 2009

Bilder.

Mein Leben ist wie leise See:
Wohnt in den Uferhäusern das Weh,
wagt sich nicht aus den Höfen.
Nur manchmal zittert ein Nahn und Fliehn:
aufgestörte Wünsche ziehn
darüber wie silberne Möven.

Und dann ist alles wieder still...
Und weißt du was mein Leben will,
hast du es schon verstanden?
Wie eine Welle im Morgenmeer
will es, rauschend und muschelschwer,
an deiner Seele landen.

Rainer Maria Rilke


Windstill ist es, Ruhe vor dem Sturm. Leise treibe ich im Wasser, nur sanft trägt mich die leichte Strömung vorwärts. Manchmal trifft ein Sonnenstrahl mein Gesicht, bevor wieder Wolken den Himmel verdunkeln.
Wohin es geht? Ich weiß es nicht. Ich lasse mich treiben, muss nur manchmal darum kämpfen, über Wasser zu bleiben.
Die schwarzen Tiefen unter mir locken und rufen nach mir.

Manchmal frage ich mich, wer ich eigentlich bin. Ich sammle Identitäten wie andere Menschen Briefmarken - und egal, welche ich annehme, ich sehne mich nach anderen. Keine Maske, keine Wahrheit kann jemals wirklich zeigen, _wer_ ich bin - ach, als wenn ich es wirklich wüsste. Oftmals stehe ich vor mir selbst und - kenne mich nicht.
Wenn ich mir jemals selbst in meine Seele sehen könnte...

Sonntag, 8. November 2009

Zugfahrt Hamburg - Kiel

Eine Welt zieht vor dem Panoramafenster vorbei. Durch die Schwärze der Nacht treten andere Konturen hervor - erleuchtete Quadrate, Lichtpunkte, Laternen und Leuchtschriften. Eine Küche an einer Hausecke, antik und gemütlich, mit weiß-grünen Kacheln an den Wänden, und nur ein paar Sekunden weiter rote Samtvorhänge vor einem Kronleuchter. Eine festlich angestrahlte Kirche, eine Ladenzeile, dann folgt tiefe Dunkelheit. Feld, Wald? Es ist nicht zu sehen.
In der Ferne Autoscheinwerfer, weiß und rot, und auf dem Nachbargleis durchschneit viel zu hell ein anderer Zug die Nacht. Geblendet wende ich den Blick ab, will den anderen stillen Beobachtern nicht in die Gesichter sehen.
So anonym wie ich.
Orange und gelb grüßen Ortschaften herüber. Keine bleibt lang, sie fliegen vorüber. Natürlich sind dort Menschen, doch weil ich in allem Wissen und Erfahren immer in mir selbst eingeschlossen bin, bleiben sie nur theoretische Ahnungen.
Eine erste Lichterkette an einem Baum oder Busch illuminiert die kommende Jahreszeit. Ein Bahnsteig mit einem alten, langhaarigen Mensch darauf, einem küssenden Pärchen, für das ich als stille Beobachterin gar nicht existiere. Werbung für gute Abwehrkräfte.
Was hat dieser Kerl mit dem bunten Sombrero wohl noch vor? Was sucht die Frau am Boden in ihrer Handtasche? Schon ist die Szene, schon sind die Menschen, die für diesen einen Moment Teil meines Lebens waren, wieder daraus verschwunden. Schwärze umgibt mich.
Wie kleine Leuchttürme tauchen Fenster voll Licht darin auf und erlöschen wieder. Meine Gedanken wandern, zurück nach Harburg, zurück zu diesem Kuß.
Und auch wenn ich heute nichts für die Uni getan habe, war dieser Tag genutzt und schön wie kaum ein anderer.

Dienstag, 20. Oktober 2009

54° 27' 17" N 10° 11' 47" E - Leuchtturm Buelk, Strande



Einhundertachtzig Grad offene See, eine endlose Weite. Irgendwo hinterm Horizont locken die dänischen Inseln, dort, wohin der Wind weht.
Ein trahlend blauer Himmel spannt sich über die weißen Schaumkronen, die vereinzelt mit den Wellen spielen. Brausend bricht sich die Gischt an den Lahnungen. Rote und grüne Tonnen weisen eine Straße auf dem Meer aus, einige Segler kreuzen dazwischen, nutzen den Herbsttag. Wenn der Wind die letzten Blätter von den Bäumen gerissen hat, ist es todesmutig, noch hinauszufahren, aber heute - nein, noch lockt das Wasser. Zwischen ihnen spielen Motorboote und Fähren, ein müder Großsegler flieht in die ruhigen Wasser der Förde. Möwen lassen sich treiben.
Hinter mir, an der Öffnung der Bucht, steht weißschwarzweiß der Bülker Leuchtturm, draußen auf dem Meer leuchtet rotweißrot der Kieler. Ich möchte an ihm vorbei in die Unendlichkeit fliehen, mit dem Wind reisen. Doch der Winter zwingt Seemänner an Land.
Nur die Brandung rauscht an der Mole.

Donnerstag, 15. Oktober 2009

55°41' N 10°43' E - Storebælt mit Kurs auf die große Beltbrücke



Langsam, ganz sacht, lässt der Wind nach, welcher die "Albatros" nun über eine Stunde mit rasanter Fahrt vor sich her jagte. Erschöpft lassen sich die Deckshands auf eine Backskiste sinken, müde liegen Hände im Schoß. Nun sind die Segel wieder ganz gesetzt, der Klüverbaum knirscht zufrieden unter dem Zug des straff gefüllten Tuchs. Kleine Wellen, kaum spürbar, kichern flüsternd am Bug.
Ich streife die nasse Wollmütze vom Kopf und schüttele, wie ein Hund, die feuchten Haare, so daß Tropfen wild um mich spritzen. Mit leisem Quietschen springt die Rudergängerin davon, obwohl ihr Ölzeug sie gegen das Wasser schützen würde. Mein Lachen ist schon ein wenig erlöst, jetzt, da die Wolkenfront langsam davon zieht, wir nicht mehr auf der Hut vor plötzlichen, starken Böen sein müssen. Ein Nicken des Captains, gut gemacht, stell' die Maschine jetzt aus.
Kurz danach senkt sich die Stille über das Schiff. Nun ist das Plätschern der Wellen, das Ächzen des alten Holzes im Seegang plötzlich deutlich zu hören, das Quietschen des Leders der Klauen an den Masten, das Brausen des Windes in den Segeln. Ruhig, mit gleichmäßigen Bewegungen, bahnt sich die Albatros ihren Weg.
Als ich aus dem Maschinenraumschott wieder an Deck komme und mir nun das Ölzeug von den Beinen ziehe, trifft schon wieder, so kurz nach dem Regen, ein Sonnenstrahl mein Gesicht. Und mit einem Mal ist dieser Moment die ganze Welt.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

54° 21' 38.41" N 10° 36' 3.47" E Leuchtturm Neuland, Behrensdorf

Ein Stahl- und Stacheldrahtzaun durchschneidet den Strand, davor, auf der Düne, steht eine einsame Bank. Aus Nordwest dringen die Geräusche von Schüssen und Sprengungen herüber, gelbe Tonnen warnen im Wasser vor dem Truppenübungsgelände. Der Strand ist nicht touristenfein glattgefegt, Steine, Algen, natürliche Überreste des Lebens am Meer säumen den Weg. Tiefe Spuren hinterlassen meine Füße im Sand.
Über allem, vielleicht fünfzig Meter vom Wasser entfernt, tront der Neuländer Leuchtturm, ein sich drehendes Licht gen Norden, Richt- und Hoffnungsfeuer für Schiffe und Seemänner. Vor dem hellwolkigen Himmel wirkt er beinahe schwarz, nur der helle Fleck in seiner Krone ist deutlich zu erkennen. Versonnen bleibt mein Blick daran hängen. Egal, ob auf dem Wasser oder an Land - wenn Du ein Leuchtfeuer siehst, kennst Du den Weg. Ein tröstliches Zeichen in all der Einsamkeit auf den Wellen.

Montag, 5. Oktober 2009

54° 20' 40.71" N 10° 9' 20.89" E Faehranleger Bellevue, Kiel

Dunkelheit. Schimmernde Lichter als Spiegelungen auf dem Wasser, verwischte Schatten einmal quer über die Bucht. Leichter Wind aus Südost, ein Streicheln auf der Haut. Hinter Wolken beginnt mit grauem Licht der Mond aufzugehen, die Fähre nach Schweden zieht als grellleuchtender Koloss vorbei. Nordnordöstlich rote und grüne Funkelfeuer, der Leuchtturm grüßt von fern.
Nähe und Weite liegen eng beieinander, die Förde öffnet sich in die Welt, in welche der Dampfer entschwindet, hinaus aufs offene Meer. Einer Möwe gleich möchte man hinterherfliegen, und doch kann man für diesen Moment zufrieden sein, hier jetzt zu stehen.

Tränen der Sehnsucht und des Fernwehs in den Augen.